24.08.2010, 11:01 Uhr | vb
Rückkehr zu alter Stärke oder endgültiges Scheitern eines einst großen Spiels? Jowood will nach dem Fiasko der Vorgänger mit "Arcania: Gothic 4" endlich wieder für begeisterte Rollenspieler auf PC, Xbox 360 und später auch PS3 sorgen. Wie groß die Furcht vor einem erneuten Scheitern ist, wurde bei der Gamescom-Präsentation deutlich. Denn statt spielerischen Tiefgang oder neuartige Elemente zu bieten, setzt man auf Altbewährtes und bietet actionreiches Gameplay ohne wirklich packende Momente.
Die Story: Zehn Jahre sind seit "Gothic 3" vergangen, der einst namenlose Held ist nun als König Rhobar III. beim Volk in Ungnade gefallen. Der Spieler steigt als neuer, unerfahrener Held ein und ist zu Beginn ein harmloser Schäfer. Am Beispiel der Schafherde zeigt man die Konsequenzen, die Spielhandlungen haben können: Tötet man eines der Tiere, wird man von den Bewohnern des naheliegenden Dorfes darauf angesprochen. Weitere Konsequenzen sind jedoch nicht zu erwarten - schade!
Stattdessen geht es in einer offenen und größeren Spielwelt als den Vorgängern linear weiter. Ein Blick auf die Mini-Map reicht, und wir finden die nächste Quest recht schnell. Auf dem Weg dorthin warten Dungeons, ein Tag- und Nacht-Zyklus, diverse Wetter-Modelle und eine grafisch recht lebendig gestaltete Welt. Hier leistet Jowood zwar einerseits gute Arbeit, andererseits vermisst man das Besondere - zu sehr wirkt "Arcania" wie ein Fantasy-Rollenspiel unter vielen.
Das gilt auch für die Kämpfe: Mit Schwert, Magie oder Bogen geht es gegen diverse Widersacher sehr actionreich zur Sache. Damit man gut zurecht kommt, levelt man den Charakter hoch, verfügt über ein umfangreiches Inventar, entwickelt neue Fähigkeiten, lernt Zaubersprüche und behält immer ein Auge auf der Gesundheits-Anzeige. Ein Klassen-System gibt es nicht, stattdessen erlernt man, was man möchte. Alles schon gesehen? Für ein wenig Nervenkitzel sorgen immerhin verschiedene Fallen in den Höhlen, die es zu umgehen geht. Und die Gegner sind teilweise ziemlich stark und gewieft.
Die Dialoge sind sehr schön gemacht, die Figuren scheinen wirklich zu sprechen. Grafisch mag man "Arcania: Gothic 4" im direkten Vergleich mit den Vorgängern zwar ein wenig zu bunt finden, aber die Spielwelt ist für ein Fantasy-Szenario glaubwürdig gestaltet und bietet immer wieder schöne Details.
Leider fällt all das nicht so sehr ins Gewicht, denn die lineare Story bietet zwar mit Sidequests hin und wieder Anreize zum Blick rechts und links des Weges, ist aber ansonsten gewohnte Kost. In Zeiten von "Dragon Age" und "Mass Effect" muss ein Rollenspiel aber definitiv mehr bieten. Auch das Fehlen von Charakterklassen ist ein klares Manko. Die arcade-lastigen Kämpfe mögen Anfängern zwar entgegen kommen, langweilen Genre-Veteranen aber mangels echter Herausforderung schnell.
Jowood geht nach dem Ärger mit "Gothic 3" verständlicherweise auf Nummer sicher. Das kann man dem österreichischen Publisher nicht vorwerfen. Allerdings hinterlässt "Arcania: Gothic 4" bei aller technischer Ausgereiftheit einen schalen Beigeschmack. Denn für ein bugfreies Erlebnis hat man Eigenständigkeit und spielerischen Tiefgang gegen ein Rollenspiel-Erlebnis, wie man es schon oft genug gesehen hat, eingetauscht. Ob das in Zeiten starker Konkurrenten reicht, um sich beim Käufer durchzusetzen, wird man im Oktober dieses Jahres herausfinden.
vb
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