19.04.2011, 11:05 Uhr | Volker Bonacker
"Ich möchte, dass die Spieler glückliche Gefühle erleben, jedes Mal wenn sie das Spiel spielen." Kann man mit diesen Worten einen Shooter ankündigen? Zetsuya Mizuguchi hat es im vergangenen Jahr im Rahmen der Tokyo Game Show getan. Und seither mit "Child of Eden" eines der ungewöhnlichsten Spiele der letzten Monate in Arbeit. Denn in seinem jüngsten Werk treffen Shooter, Farbenpracht und Klangwelten bislang unbekannter Dimensionen aufeinander. Kann diese Mischung funktionieren - vor allem hinsichtlich der Steuerung via Kinect? Wir haben das neue Spiel des "Rez"-Schöpfers, das im Sommer für PS3 und Xbox 360 erscheinen wird, angespielt - und sind schon nach wenigen Minuten hoffnungslos im Geschehen auf dem Bildschirm versunken.
Dabei trumpft der Titel zunächst weder mit packender Story noch bombastischer Inszenierung auf. Im Gegenteil, die Geschichte hinter "Child of Eden" ist schnell erzählt: In naher Zukunft ist das gesamte Gedächtnis und Wissen der Menschheit in einem Projekt namens "Eden" digitalisiert worden. Innerhalb von "Eden" soll mit der Figur "Lumi" eine menschliche Persönlichkeit reproduziert werden. Lumi wird als zierliche Frau gezeichnet, die zu Beginn des Spiels auf einer Wiese erwacht. Ehe das Projekt zum Abschluss kommt, dringt jedoch ein Virus ins System ein und bedroht Lumi. Damit ist die Story in einem nur wenige Minuten dauernden Intro bereits vollständig erzählt und die Aufgabe des Spielers klar: Die Viren vernichten und Lumi und damit das Eden-Projekt zu retten.
So konventionell und letztlich auch zu vernachlässigen die Story sein mag, das Gameplay ist alles andere als gewöhnlich. Aus der Ego-Perspektive nimmt man die Gegner ins Visier. Die Bewegung der eigenen Figur läuft größtenteils von selbst ab, außer zielen und schießen gibt es nichts zu tun. Doch gerade das gestaltet sich mittels Kinect außergewöhnlich: Die linke und rechte Hand des Spielers werden, wenn man sie vor den Sensor bewegt, zu Waffen. Hält man die linke Hand vor die Kinect-Sensorleiste, wird auf dem Bildschirm per Dauerfeuer auf die Gegner geschossen. Zum Zielen genügt es, die Hand über die Feinde zu bewegen. Bewegt man statt der linken die rechte Hand vor den Screen, markiert man die Gegner zunächst, um sie danach mit einer Wisch-Bewegung der Hand gleichzeitig zu eliminieren. Für einen dritten, deutlich mächtigeren Angriff werden die Hände über dem Kopf zusammengeklatscht. Mehr Waffen stehen dem Spieler nicht zur Verfügung. Störende Menüs gibt es auf dem Spielbildschirm ebenso wenig: Rechts unten findet sich die Lebensanzeige, dargestellt durch eine Blume mit fünf Blättern. Für jeden Treffer verliert man eines davon. Links auf dem Bildschirm informiert eine Anzeige darüber, zu wie vielen Prozent die jeweilige Welt von Viren befreit wurde. Auch hier gibt sich "Child of Eden" aufs Äußerste puristisch.
Mit Erfolg, denn mehr als die wenigen Waffen und Anzeigen braucht es für ein faszinierendes Spielerlebnis nicht. Die Gründe hierfür sind Optik und Sound. Wer "Rez" oder "Geometry Wars" gespielt hat, wird sich in der Welt aus Neonfarben, in der Objekte wie Blumen, Wale oder ein Feuervogel eher schemenhaft und abstrakt dargestellt werden, sofort zurechtfinden. Alle anderen erkennen mit der Zeit immer mehr Details, die in einer bislang ungewohnten Farbenpracht präsentiert werden. Hier schafft Child of Eden etwas ganz eigenes und neues. Damit aber nicht genug, denn Mizuguchi und die Entwickler von Q? Entertainment verknüpfen zusätzlich noch Sound und Gameplay. Schießt man etwa per Dauerfeuer-Waffe auf die Gegner, ertönt beim Treffer ein anderer Klang als beim Schuss mit der Markier-Waffe. Zudem gibt jeder Gegnertyp einen eigenen Ton von sich, was mit wachsendem Aufkommen an Feinden schnell komplexe Klanggebilde entstehen lässt, die stets zu den Farbtönen und Umgebungen der jeweiligen Welt passen - von kalten Sounds in Welten, die in Blau- und Grautönen daherkommen bis zu treibenden Beats in Levels, die mit gelb-roter Farbgebung Wärme ausstrahlen. Nicht umsonst beschreiben die Macher Child of Eden als "kaleidoskopische Matrix aus Musik und Bildern" - selten waren audiovisuelle Effekte besser umgesetzt zu bewundern. Auch, weil der Spieler mittels Kinect fast vollständig mit der Welt verschmilzt und damit ein neues Spielgefühl entsteht.
Child of Eden ist neu, innovativ und bislang einzigartig. Die Macher verknüpfen die Möglichkeiten, die Kinect bietet, mit einem audiovisuellen Erlebnis der Extraklasse. Die Steuerung funktioniert punktgenau und ist vor allem einfach. Das kommt zunächst avantgardistisch daher, geht aber selbst Menschen, die bislang wenig mit Spielen zu tun hatten, binnen weniger Minuten in Fleisch und Blut über. Wer Kinect nicht besitzt, kann auch mit Controller spielen. Lustig: Kinect-Spieler können das Gamepad einfach in die Hosentasche stecken, um in den Genuss der Rumble-Effekte des Spiels zu kommen. Laut Mizuguchi ist das mit bis zu vier Controllern möglich, was aber vermutlich ein unfreiwillig komisches Bild abgibt.
Der Umfang ist mit fünf Welten eher überschaubar. Wie lange man für die einzelnen Level benötigt, konnten wir zwar noch nicht herausfinden, fraglich ist dennoch, welche Anreize für ein Weiterspielen Child of Eden nach dem Abschluss der fünf Kapitel bietet. Auch der Schwierigkeitsgrad dürfte geübten Spielern eher niedrig vorkommen.
Grafisch, spielerisch und in Sachen Sound völlig ungewohnt: Child of Eden ist kein alltäglicher Shooter für übersättigte Call of Duty- und Battlefield-Zocker, sondern ein Spiel für Gamer, die Neuartiges und eine Abwechslung vom Einheitsbrei suchen. Genau die hat Q? Entertainment in der Mache und spricht dabei anspruchsvolle Erwachsene ebenso an wie Gaming-Neulinge. Beide sollten sich das Spiel vormerken, denn selten war es so einfach, so schnell in einem Spiel zu versinken und nicht mehr aus einem Rausch an Farben und Klang wiederkehren zu wollen.
Volker Bonacker
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