27.07.2010, 13:43 Uhr | Volker Bonacker
Betrachtet man die Spiele-Industrie im Jahr 2010, könnte man meinen, dass massenmarkttaugliche Produkte die absolute Vorherrschaft innehaben. Updates bekannter Serien erscheinen im Jahrestakt, Kreativität und wirklich neue Ideen sind bis auf wenige Ausnahmen Mangelware. Doch von Zeit zu Zeit erscheinen vorrangig aus der Independent-Szene der Entwickler Games, die diesen Kreis durchbrechen und das Medium Videospiel insgesamt auf ein neues Level heben. Das vom dänischen Indie-Entwickler Playdead für Xbox 360 veröffentlichte Rätselspiel "Limbo" ist so ein Titel geworden.
Dabei fällt das Spiel, mit dem Microsoft den "Summer of Arcade" einläutet, zunächst weder durch eine komplexe Handlung noch durch eine effekthascherische Präsentation auf. Im Gegenteil: Ein Junge sucht seine Schwester, das ist alles, was wir an Informationen bekommen. Dann erwacht der kleine Mann auch schon inmitten eines Waldes. Wie er genau aussieht, können wir nur erahnen, denn die Figur ist komplett in schwarz gehalten, lediglich die Augen leuchten. Ebenfalls in Schwarz, Grau und Weiß gehalten ist die Spielwelt. Die Grafik versprüht den Charme alter Filme, inklusive dicker schwarzer Ränder und Flimmern.
"Minimalismus" ist die beste Beschreibung für das, was Limbo bietet. Außer springen und per Knopfdruck mit Kisten oder Hebeln agieren kann der namenlose Held nichts. So bewegt man sich durch die Welt, die neben dem Wald auch noch eine Fabrik- und eine Stadt-Kulisse bietet. In allen warten verschiedene Rätsel, bei denen es auf Timing, Reaktion und eine gesunde Portion Denkvermögen ankommt. Mit der Zeit werden die Herausforderungen immer komplexer, über die Geschichte erfahren wir jedoch weiterhin nichts.
Im Gegenteil: Der Mangel an Information sorgt dafür, dass man selbst zu interpretieren beginnt. Wer ist unser Held? Weshalb sucht er seine Schwester? Wer sind die anderen Figuren, denen man in der Spielwelt begegnet und die entweder attackieren oder flüchten? Vor allem das Ende sorgt für viele offene Fragen. Damit reiht sich Limbo dank Präsentation und Story in die Kette künstlerisch wertvoller Games wie "Braid" oder "Shadow of the Colossus" ein. Spiele, die den Menschen vor dem Bildschirm zum Nachdenken zwingen statt vorzugeben, wie die Geschichte erlebt wird.
Herausragend ist allerdings auch die Gewaltdarstellung im Spiel: Trotz simpler Grafik sind die Tode der Spielfigur alles andere als blutleer inszeniert. Zartbesaitete Gemüter aktivieren daher in den Optionen einen entsprechenden Blutfilter. Ohne zu viel über die Geschichte zu verraten: Arachnophobiker sollten einen weiten Bogen um Limbo machen.
Limbo bietet einen bislang ungewohnten Look, eine extrem dichte Atmosphäre und jagt einem auch ohne Action- oder Horror-Szenen ein ums andere Mal wohlige Schauer über den Rücken. Und wenn nach der Hälfte des Spiels plötzlich Regen einsetzt, verbleibt man beinahe fröstelnd vor dem TV. Die größte Leistung des Games besteht jedoch darin, den Spieler zum Nachdenken über die Geschichte anzuregen und das auch lange, nachdem der Abspann über den Bildschirm geflimmert ist.
Schade nur, dass dies nach etwa vier bis sechs Stunden der Fall ist. Diese sind zwar an Intensität mit jedem Blockbuster-Titel vergleichbar, stellen für Ratefüchse jedoch keine große Herausforderung dar. Dafür sind die Rätsel zu konventionell geraten. Hinzu kommt mit 1200 Microsoft-Punkten (15 Euro) ein alles andere als geringer Preis für einen Xbox-Live-Arcade-Titel.
Ohne Frage: Limbo gehört zu den wenigen Games, die aus der Masse nicht nur herausstechen, sondern der gesamten Branche neue Impulse verleihen könnten. Der Preis und die kurze Spieldauer mögen den Spaß ein wenig trüben, dennoch bleibt ein Titel, der in jeder Hinsicht außergewöhnlich ist und um dem erwachsene Spieler, die abseits des Mainstreams nach kreativen, neuen Ideen suchen, nicht herumkommen werden.
Volker Bonacker
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