26.10.2010, 10:55 Uhr | vb
Lange haben "Gothic"-Fans nach dem Bug-Desaster des dritten Teils auf eine Fortsetzung gehofft und gewartet. Der neue Entwickler Spellbound aus Deutschland stand unter einem hohen Erwartungsdruck und hat nun mit "Arcania - Gothic 4" ein einsteigerfreundliches Rollenspiel fertig gestellt. Erstmals findet die Serie auch den Weg auf die Konsolen, wobei sich PS 3-Besitzer noch bis zum Frühjahr gedulden müssen. Auf PC und Xbox 360 können sich die Spieler schon jetzt Kämpfen, Magie und Quests in einer mystischen Welt widmen. Zumindest die schön gestalteten Landschaften erinnern an die Gothic-Reihe, denn inhaltlich kann das Rollenspiel nur selten an die Qualitäten der ersten beiden Teile anknüpfen - hier haben sich die Befürchtungen unserer Gamescom-Preview bewahrheitet.
Der Spieler startet mit einem jungen Schafhirten auf einer kleinen Insel ins Abenteuer. Nach drei recht simplen Aufgaben kann er endlich seine Liebste heiraten. Doch die junge Ehe steht unter keinem guten Stern: Als eine fremde Streitmacht das Dorf bis auf die Grundmauern niederbrennt, stirbt auch die Frau des Protagonisten. Mit dem Rachefeldzug, der nun beginnt, kommt das Spiel in Fahrt. So zieht der Spieler von dem kleinen Eiland Feshyr auf die große Hauptinsel Argaan bis in die Hauptstadt. Das geschieht leider streng linear, denn die Spielwelt darf man nicht eigenständig entdecken, wie man es bisher bei Gothic gewohnt war. Erst wenn alle Aufgaben zufriedenstellend gelöst wurden, kann man in das nächste Gebiet vordringen. Wichtig für den Rachfeldzug ist natürlich die Beherrschung der Nahkampfwaffen, deren Umgang man im Tutorial an Goblins, Trollen und Ratten schon üben konnte. Metzeleien sind dann auch ein wichtiger Bestandteil des Spiels, denn überall lauern Horden wilder Tiere und mies gelaunte Schurken. Die Gegner schaltet man mittels gezielter Schlagkombinationen aus. Überkopf-Hiebe und geschickte Ausweichmanöver sorgen dabei für Abwechslung. Die Umgebungen nebst Wettereffekten sind schön anzusehen. Es gibt hier und da auch einige Schatztruhen leerzuräumen, aber insgesamt wirkt die Welt zu leer. Zudem muss der Spieler immer wieder elend lange Laufereien in Kauf nehmen.
Die Aufgaben selbst lassen sich oft auf unterschiedlichen Wegen erledigen. Doch ganz gleich, wie man sich entscheidet, die Lösung führt immer zum selben Ziel. Egal, ob man sich beispielsweise entschließt, die Aufständischen zu unterstützen oder der Obrigkeit zu helfen, das Ergebnis ist immer dasselbe: man befreit seinen alten Freund Diego und erhält den gewünschten Passierschein. Ebenso geht es an einem Wetterschrein zu. Wählt man Regen, kommt man zu einer Magierin, die den Spieler zu ihrem Großmeister führt. Wählt man Sonne, sorgt der Zauberschmied mit seiner Gedankenkontrolle dafür, dass uns die Magierin ebenfalls uns zum Meister vorlässt. In den Quests fehlen leider Rätsel oder Begleit-Missionen und damit die Abwechslung. Nach Gegenständen suchen und zwischendurch kämpfen - das ist Angesichts solcher Konkurrenten wie "Dragon Age: Origins" oder "Mass Effect 2" im Jahr 2010 zu wenig, um wirklich zu fesseln. Ist die Story zunächst noch sehr nachvollziehbar, wird sie im Laufe des Spiels immer undurchschaubarer und entwickelt sich zu einem mäßig spannenden Dämonen- und Götterepos. Noch eine Detailänderung: Bei Levelaufstiegen kann man seine Attributspunkte nur auf ein minimales System von fünf Fähigkeiten und drei Zaubern verteilen.
Löblich: Im Gegensatz zum Vorgänger kommt das Spiel nun mit wenigen Bugs daher. Gut gelungen ist vor allem die Grafik mit ihren schönen Landschaften und Objekten. Die Wettereffekte mit Wind und Regen überzeugen ebenfalls. Die Kämpfe gehen flott von der Hand und sind prima animiert.
Der offizielle Nachfolger der Gothic-Reihe zwängt die Bewegungsfreiheit des Spielers in sehr enge Bahnen, und die Quests bieten selten mehr als Suchaktionen oder Kloppereien. Die mageren Fähigkeiten und wenigen Zauber werden ambitionierten Rollenspielern nicht ausreichen. Die Nebenquests, von denen es am Ende des Spiels immer weniger gibt, sind nicht spielbeeinflussend und eher langweilig. Schwächen beim Inventar und der einfache Schwierigkeitsgrad schrecken Profis obendrein ab.
Die Bewertung von Arcania ist zweischneidig. Einerseits stehen auf der Habenseite gelungene Grafik, ein leicht spielbares Kampfsystem und ein einsteigerfreundliches Fähigkeiten- und Zaubersystem. Doch treuen Gothic-Fans wird die mangelnde Ausstattung nicht gefallen: Ihnen fehlt die frei begehbare Umwelt und sie werden schnell merken, dass man sich die simplen Nebenquests auch vollkommen sparen kann. Ein waschechtes Gothic ist Arcania nicht geworden - schade!
Quelle: Medienagentur plassma
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