06.11.2008, 10:13 Uhr | tz / jr
Satirische Spiele (Bild: Molleindustria / Montage: t-online.de)In den letzten zehn Jahren haben sich Computer- und Videospiele zum globalen Massenphänomen entwickelt. Das haben Großkonzerne und Werbetreibende, aber auch politische Akteure erkannt. Sie versuchen, mit entsprechenden Spielen für ihre Produkte zu werben, ihr Bild in der Öffentlichkeit aufzupolieren oder Stimmung für ihre politische Agenda zu machen. Diese Propaganda-Spiele stoßen aber bei der Gamer-Gemeinde auf wenig Gegenliebe. Mehr noch: Freie Entwickler wie das 2003 gegründete italienische "Radical Games"-Kollektiv "Molleindustria" drehen den Spieß kurzerhand um. In ihren Games nehmen sie ungezügelten Kapitalismus, Großkonzerne, Fastfood und fragwürdige gesellschaftliche Konventionen ins Visier.
Der Charakter der nicht kommerziellen Games ist parodierend, doch die zugespitzte Form der Auseinandersetzung zeigt auch, dass es vom tiefschwarzen Humor bis zur Geschmacklosigkeit kein weiter Weg ist. Alles eine Frage der Moral - und deshalb weder abschließend noch eindeutig zu beantworten. Oder sehen Sie das anders? Teilen Sie uns ihre Meinung am Ende des Artikels mit!
Online-Spiel Operation Pedopriest
Online-Spiel Free Culture Game
Online-Spiel Enduring Indymedia
Online-Spiel Tuboflex
Online-Spiel Tamatipico
Cheats & TricksDie besten Spiele-Tipps
Spiele-BilderScreenshots aus den Top-Spielen
Das Logo der Entwickler (Bild: Molleindustria)Molleindustria sieht seine Spiele im Gegensatz zu kommerziellen Publishern nicht als simple Unterhaltungsprodukte, sondern als Mittel, um auf soziale Missstände, fragwürdige Methoden von Großkonzernen oder allgemein auf kontroverse Themen hinzuweisen und das Ganze satirisch zu verarbeiten. Kommerziellen Publishern und Entwicklern kreidet man vor allem deren Profitorientierung an. Jede Programmzeile bedeutender Spiele-Blockbuster werde zum Profit eines großen Unternehmens geschrieben, argumentiert Molleindustria auf seiner Webseite. Davon kann bei den Produkten der Italiener keine Rede sein. Browser-basierte Spiele wie der Orgasmus-Simulator oder Operation: Pedopriest, bei dem man in der Rolle einer fiktiven Taskforce des Vatikan verhindern muss, dass Fälle von Kindesmissbrauch durch pädophile Priester an die Öffentlichkeit gelangen, dürften sich nicht gerade als kommerzielle Blockbuster erweisen und sind auch von ihrer Thematik her heikel. In Oiligarchy darf man als Protagonist der Ölindustrie weltweit Bohrungen und Erkundungen durchführen, sich mit korrupten Politikern zum beiderseitigen Vorteil arrangieren und alternative Energien stoppen - auch nicht gerade "politisch korrekt".
Online-Spiel Orgasm Simulator
Online-Spiel Queer Power
Online-Spiel Oiligarchy
Ein BSE-Problem wird gelöst (Bild: Molleindustria)Parodierend und gleichzeitig kritisch gegenüber dem US-Fastfood-Konzern präsentiert sich das McDonald's Video Game. Die Italiener greifen gezielt die Kritikpunkte auf, die Umweltaktivisten und Kritiker des Turbokapitalismus dem Burger-Brater schon seit langem vorwerfen. Um langfristigen Erfolg im Spiel zu haben, muss man früher oder später tropischen Regenwald abholzen, genmanipuliertes Soja anpflanzen, Rinderherden mit Hormonen und Tiermehl füttern und die Löhne der Mitarbeiter niedrig halten. Unliebsame Kritiker lassen sich mit gezielten Bestechungsaktionen mundtot machen. Der Spieler übernimmt den Job als Restaurantmanager und ist in den kompletten Produktionsablauf involviert - was von der Korruption (bei der Anbahnung von Geschäften) bis hin zur Schlachtung von Rindviechern(inszeniert als eine Art Einäscherung) reicht. Die Entwickler wollen mit ihrem Spiel aber keine plumpe Kapitalismusschelte betreiben, sondern die "komplexen Prozesse vermitteln, die hinter jedem Burger stehen". Die aufklärerische Intention, dem Spieler die "schmutzigen" Geschäftspraktiken zu präsentieren, die McDonald zu einem der größten Konzerne der Welt gemacht haben, steht klar und eindeutig im Mittelpunkt von McDonald's Video Game.
Online-Spiel McVideogame
DownloadsDas Todesspiel
"Faith Fighter": Kampf der Religionen (Bild: Molleindustria)Das Vorhaben von Molleindustria, das Videospiel von seiner Spaßlastigkeit zu befreien und als Medium zu etablieren, das Diskussionsbeiträge zu soziale Entwicklungen leistet, macht sogar vor religiösen Fragen nicht halt. In Faith Fighter (Glaubenskrieger) nimmt man zum Beispiel die großen Weltreligionen und deren Absolutheitsanspruch aufs Korn. Nachdem man sich zu Beginn wahlweise für die zensierte oder unzensierte Fassung des Spiels entschieden hat, wählt man eine der Gallionsfiguren der Weltreligionen. Für die Christen treten Gott und Jesus, für die Buddhisten Buddha, für Hindus Ganesha und für Muslime der Prophet Mohammed in Street-Fighter-Manier gegeneinander an. Dabei würden die religiösen Figuren "in keinster Weise bloßgestellt", beteuert Molleindustria-Gründer Paolo Pedercini.
Online-Spiel Faith Fighter
MagazinVerbotene Spiele: Zu hart für Otto Normalgamer
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