21.11.2008, 13:34 Uhr | Golem.de / vb
USK 18 / GTA 3 (Montage: t-online.de)Der erste internationale Kongress "Computerspiele und Gewalt" hat am 20. November 2008 in München stattgefunden. Neben einigen differenzierten Meinungen aus der Wissenschaft gab es vor allem aufgeregte Eltern und viel Schelte für die USK. Der Tenor: Das gegenwärtige System für den Jugendschutz funktioniert nicht, mehr Verbote müssen her.
Geladen hatten die Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München und der Lehrstuhl für Allgemeine Pädagogik und Bildungsforschung der Ludwig-Maximilians-Universität. Schon in der Einladung war die Marschrichtung klar vorgegeben, offenbar ging es weniger um eine offene Diskussion des Veranstaltungsthemas "Computerspiele und Gewalt", sondern: "Actionspiele sind unglaublich schnell und fixieren den Spieler auf Exzesse des virtuellen Tötens und Orgien der Gewalt, die einer sensiblen und humanen Persönlichkeitsentwicklung bei Kindern und Jugendlichen entgegenwirken. Abstumpfung ist nur ein Effekt von Gewalt in Computerspielen."
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Pressekonferenz der Wissenschaftler (Bild: Golem.de)Folglich kamen auch überwiegend Wissenschaftler und Journalisten zu Wort, die einen zumindest mittelbaren Zusammenhang zwischen Computerspielen und Abstumpfung und Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen sahen. Am differenziertesten zeigte sich noch Douglas Gentile, Professor am Media Research Lab der Universität des US-Bundesstaates Iowa. "Wir müssen von der Vorstellung wegkommen, dass Spiele entweder gut oder böse sind", sagte Gentile im Anschluss an seinen Vortrag.
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Call of Duty: World at War (Bild: Activision)Gentile zielte auf mehr Medienkompetenz bei den Eltern. Dem erteilte der Schulpsychologe Doktor Werner Hopf eine klare Absage: "Das ist eine Phrase, die von der Industrie seit den 90er Jahren verbreitet wird." Eltern könnten heute keine Medienkompetenz vermitteln, "weil die Eltern selbst nicht medienkompetent sind - mindestens 50 Prozent". Dies hat Hopf in einer bereits im Mai 2008 veröffentlichten Langzeitstudie herausgefunden. Laut Hopf ist "das Spielen von gewalthaltigen elektronischen Spielen der stärkste Risikofaktor für Gewaltkriminalität". Er hatte Jugendliche im Alter von 12 bis 14 Jahren befragt. Diejenigen, die viele gewalthaltige Medien nutzten, seien nach den zwei Jahren häufiger durch reale Gewalt aufgefallen.
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PEGI-Freigabe (Bild: PEGI)Hopf setzt sich für ein Verbot von gewalthaltigen Computerspielen ein. Die Mechanismen der deutschen Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK), die international als die strengsten Regeln gelten, und der Indizierung hält er für nicht ausreichend. Er plädierte im Gespräch mit Journalisten für eine Abschaffung der USK. Dem sekundiert eine Studie Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen (KFN), die auf dem Münchner Kongress präsentiert wurde. Befragt wurden rund 1000 Schülerinnen und Schüler, während sie die dritte bis fünfte Klasse besuchten.
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Thomas Mößle (Bild: Golem.de)Laut der Ergebnisse des KFN haben dabei in der fünften Klasse, also im Alter von zehn bis elf Jahren, 21 Prozent der befragten Kinder schon einmal ein Spiel gespielt, das erst ab 18 Jahren freigegeben ist. 18 Prozent spielten in der fünften Klasse regelmäßig ein Spiel, das erst für 16- oder 18-Jährige gedacht ist. Der Psychologe Thomas Mößle vom KFN erklärte, wenn Kinder ab der dritten Klasse entsprechende Spiele gespielt hätten, würden sie in der fünften Klasse dreimal häufiger zu realer Gewalt neigen, als wenn das nicht geschehen sei.
Der Pate 2 (Bild: EA)Die Methode der Studien der KFN ist in der Wissenschaft umstritten. Dies stellte die an der Kölner Universität tätige Psychologin Anette Rüth schon zur ersten Untersuchung der KFN aus dem Jahr 2006 fest. Demnach liefern die Daten bestenfalls Indizien, aber keine Beweise. Man müsse dies an ein fachkundiges Publikum mit der Anmerkung kommunizieren und dabei anmerken, dass für einer Erhärtung der Vermutungen weitere Untersuchungen notwendig seien, so Rüth.
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Rainer Fromm (Bild: Golem.de)Nahezu stürmischen Applaus bekam der folgende Redner, Rainer Fromm. Der Autor und TV-Journalist wurde vor allem durch Beiträge für das ZDF-Magazin "Frontal 21" bekannt. Diese enthielten jedoch so viele falsche Behauptungen und inhaltliche Fehler, dass sie von Spielern heftig kritisiert wurden. Fromm zeigte Publikum unter anderem Szenen aus den Titeln GTA San Andreas, Fight Club, Backyard Wrestling und Der Pate. Dabei war zwar nichts zu sehen, was nicht nach 22 Uhr auch im Fernsehen gezeigt würde.
Command & Conquer: Alarmstufe Rot 3 (Bild: EA)Ausfallend äußerten sich auch andere Anwesende, auch, weil Fromm sogar den Bezug zwischen Strategiespielen und der Judenverfolgung im Dritten Reich herstellte, die er mit dem hebräischen Begriff "Shoah" bezeichnete. Es gehe angesichts der Shoah nicht an, so Fromm, dass man in Kriegsspielen heute noch Giftgas einsetzen könne. Zudem seien das "Kriegsspiele, die unter dem Begriff 'Strategie' geführt würden". Einer seiner letzten Sätze der Rede lautete: "Hier wird mit virtueller Gewalt schmutziges Geld verdient." Fromm sprach sich, wie schon die meisten seiner Vorredner, für härtere gesetzliche Regelungen aus, forderte jedoch keine generellen Verbote. Vielmehr müsse es bei der Bewertung von Spielen immer um eine "Einzelfalldiskussion" gehen.
Ein ESL-Teilnehmer spielt Counter-Strike gegen ein anderes Team (Bild: dpa)Insgesamt dürfte der Münchner Kongress das gerade von CSU-Politikern immer wieder geforderte Herstellungs- und Verbreitungsverbot von besonders harten Spielen wieder auf die Agenda gebracht haben - und das scheint auch das primäre Ziel der Veranstaltung gewesen zu sein. Wie gut das Funktioniert, zeigte der bayerische Innenminister Joachim Herrmann. Noch während der Veranstaltung verbreitete sein Ministerium eine Pressemitteilung, in der er die vorgelegten Studien begrüßte. Auch er fordert schon seit längerem ein Verbot dieser Spiele. Die jüngsten Ergebnisse bestätigen ihn in unserer Absicht.
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