02.07.2008, 09:08 Uhr | jr
Gaming-Offensive: Spiele-PC und Xbox 360 (Bild: Microsoft / Montage: T-Online)Rob Pardo, seines Zeichens Chefentwickler der Spieleschmiede Blizzard (World of Warcraft), ist auf der Game Developers Conference (GDC, 23. - 24. Juni 2008) in Paris der Kragen geplatzt. Sein Vorwurf: Microsoft biete nur Lippenbekenntnisse, wenn es um die Unterstützung des PC als Spieleplattform geht.
Wegen des Xbox 360-Konsolensystems samt Xbox Live-Onlineservice würde es für den Redmonder Konzern wenig Sinn machen, Spielen auf dem PC wirklich zu unterstützen, argumentiert der Blizzard-Manager. Der Pfeil scheint getroffen zu haben: Jetzt antwortet Microsoft und bekennt sich klar dazu, aus strategischen Gründen die Xbox 360 vorzuziehen - insbesondere auf dem deutschen Markt.
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Xbox 360 (Bild: Microsoft)Im Interview mit dem Online-Magazin "Gamesindustry.biz" erläuterte Peter Zetterberg, Business Development Manager der Spiele-Abteilung, klipp und klar den Kurs von Microsoft: "In Deutschland wollen wir beispielsweise, dass mehr Spieler unsere Xbox 360 kaufen. Wenn wir ein Spiel gleichzeitig für 360 und PC veröffentlichen, schießen wir uns quasi selbst ins Bein, indem wir dem deutschen Markt erlauben, die PC-Fassung zu spielen - weil er sich wahrscheinlich eher für die entscheidet, statt das Geld für eine Xbox 360 auszugeben." Beim gleichzeitigen Release eines Spiels kaufen sich nach Angaben von Zetterberg in Deutschland zirka 80 Prozent der Käufer die PC-Version.
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Xbox 360 (Bild: Microsoft)Was in zweifacher Hinsicht keine Überraschung ist: Trotz PS3, Wii und Co. übertrifft wegen der gleichzeitigen Nutzung als Home-Office-Maschinen die Anzahl der installierten Spiele-PC-Systeme die Zahl der Haushalte mit Spiele-Konsolen um ein Mehrfaches. Zum anderen hat die Konsolenfraktion damit zu kämpfen, dass die Spiele die unter Herstellungspreis verkaufte Hardware subventionieren und um 20 bis 25 Euro teurer sind als ihr PC-Pendant. Da ist die Kaufentscheidung im Zweifelsfall ein vergleichsweise einfaches Rechenexempel. Darauf bezieht sich auch der Microsoft-Manager in seinem Statement, wenn er anführt, dass der PC in einigen Gebieten so weit verbreitet und etabliert ist, dass Microsoft gezwungen sei, Maßnahmen zur Förderung der Xbox 360-Verkäufe zu ergreifen. Daraus dann freilich abzuleiten, dass Microsoft mit seiner Strategie keineswegs eine Plattform bevorzuge - "sie sind gleich wichtig", so Zetterberg - stellt die eigene Argumentation auf den Kopf. Die Wirklichkeit spricht eine andere Sprache.
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"Games for Windows"-Logo (Bild: Microsoft)Die Akzentsetzung zugunsten der Xbox 360-Fraktion ist für Beobachter der Szene auch keine wirkliche Überraschung. Denn Microsofts parallel zum Marktstart von Windows Vista gestartete Qualitätsoffensive für Spiele unter dem 2006 neu kreierten Label Games for Windows ist bis dato eher unter Marketing-Gesichtspunkten hilfreich, als dass sie den Spielern wirklich Anhaltspunkte zur Beurteilung eines Games liefern würde. Dabei war das Ganze gut gedacht: Damit ein Spiel wie zum Beispiel Crysis oder Bioshock das "Games for Windows"-Label tragen darf, sollten bestimmte Voraussetzungen in punkto Qualität, Kompatibilität, Sicherheit und Benutzerfreundlichkeit erfüllt sein:
Ziel der Initiative war es, das Spielerlebnis auf dem PC vor allem in Sachen Usability dem anzugleichen, was Konsolenspieler schon lange gewohnt waren. Leider wurde das Ganze in der Realität durch diverse Missklänge getrübt. Langwierige Spiele-Installationen und fortdauernder Ärger mit inkompatiblen Kopierschutz-Technologien und Treibern sorgten dafür, dass so manchem User der Spaß mit den Games for Windows schnell verging. De facto signalisiert das Logo gar nichts, denn Microsoft kümmert sich nicht um alle der über eintausend PC-Spiele, die jedes Jahr erscheinen.
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Xbox 360 (Bild: Microsoft)Dasselbe Problem wie bei den "Games for Windows" überschattet auch Microsofts auf den ersten Blick höchst interessante "Live Anywhere"-Strategie: Gut gedacht, aber zu kurz gesprungen. Mit "Live Anywhere" sollte die PC- mit der Xbox 360- und der Smartphone-Welt zusammenwachsen. Angepasste Games plattformübergreifend auf PC, auf der Xbox 360 oder auf dem Handy mit- und gegeneinander zu spielen, das klang als Versprechen ziemlich gut. Doch an geeigneten Spielen für das versprochenen Gefecht PC vs. Xbox 360-Konsole herrscht bis heute - sieht man von Shadowrun ab - Mangel. Noch dümmer: Für die Live-Option muss man tief in die Geldbörse greifen. Wer über Games for Windows Live gegen beziehungsweise mit Xbox 360-Besitzern spielen will, muss dafür jährlich zahlen. Wer nur den kostenlosen Silber-Account hat, kann als PC-Nutzer immerhin mit anderen PC-Nutzern spielen. Die silberne Konsolen-Fraktion hat es da schlechter: Sie darf auch weiterhin nicht an Netzwerkspielen teilnehmen. Immerhin erlaubt der Silber-Zugang sowohl für PC als auch für Konsole das Chatten und listet die Einzelspieler-Erfolge auf. Doch erst wer entweder für Games for Windows Live (PC) oder Xbox Live (Konsole) zahlt, kann plattformübergreifend in Multiplayer-Wettkämpfen aktiv werden. Die jährlichen Kosten dafür liegen bei jeweils zirka 60 Euro pro Jahr.
Mit Live Anywhere und Games for Windows hat Microsoft interessante Projekte am Start, die das Bemühen erkennen lassen, auf die Bedürfnisse der Spieler einzugehen. Stutzig macht allerdings die unterschiedliche Intensität, mit der diese Ansätze verfolgt werden. Was Spiele angeht, ist eine deutliche Akzentverschiebung hin zur Xbox 360 und der Xbox Live-Community zu beobachten. Da scheinen sich in der Bewertung durch Microsoft allmählich die Vorteile der Homogenität der Konsolen-Plattform durchzusetzen. Dafür zu entwickeln, ist wegen der definierten Hardware-Umgebung billiger, als die Tücken der komplexen PC-Welt zu meistern. Wegen der unterschiedliche Hardware-Basis ist freilich nicht zu befürchten, dass die PC-Spiel-Welt in Deutschland in der nächsten Zeit austrocknet. Daher läuft Microsofts Strategie bis auf weiteres wohl darauf hinaus, das eine (Xbox 360-Gaming) dezidiert zu fördern, ohne das andere (PC-Spiel) völlig bleiben zu lassen.
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jr
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