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MMOG: Heldensagen aus "WoW" und anderen Rollenspielen (1)

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Heldensagen

25.03.2008, 13:23 Uhr | GEE / Tim Rittmann / vb

"Es war einmal…" beginnen die Märchen von sterbenden Drachen und mutigen Recken. Was aber, wenn jeder ein Held ist? In virtuellen Welten muss man schon Außergewöhnliches leisten, um berühmt zu werden.

World of Warcraft (Bild: Blizzard)World of Warcraft (Bild: Blizzard)Die Schwarzfelsspitze ist ein heißer Ort. Die Hitze versengt ihnen die Härchen auf dem Arm. Wenn sie sich den Schweiß von der Stirn wischen, tropft er ihnen wie Schwefelwasser von den Händen. Dazu der Gestank der Kreaturen, die hier hausen. Orks und vierbeinige Drachenwesen schlagen alles Unschuldige in Stücke. Trotzdem wagt sich eine Gruppe leichtsinniger Abenteurer hier herauf - „Pals For Life“ heißen sie, "Freunde fürs Leben". Auf der Hälfte des Weges halten sie inne: Krieger und Paladine, geschützt von Panzerplatten, in Stoff gewandte Magier, vor heiligem Licht glühende Priester. Vor ihnen liegt der Brutort der Drachkins, an dem ungeschlüpfte fliegende Teufel in ihren Eiern darauf lauern, die Welt mit Übel zu überziehen.

DownloadSplitscreen: GEE-Podcast #27: Uncharted
Special World of Warcraft
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Im Getümmel untergehen

World of Warcraft (Bild: Blizzard)World of Warcraft (Bild: Blizzard)Die Gefährten stehen im Kreis und entwerfen einen Schlachtplan. Nur ein einzelner Paladin mit dem Namen Leeroy sitzt abseits der Gruppe. Von der Reise ausgezehrt, kaut der Recke auf einem gegarten Huhn. Es entgeht ihm, wie seine Streitgefährten ihre Überlebenschance bis auf die erste Nachkommastelle ausrechnen. Plötzlich springt er auf, und noch während er den letzten Bissen der Mahlzeit herunterschluckt, bricht sein lang gezogener Kampfschrei aus ihm heraus: „Leeeeeeroy Jenkins!“, ruft der Unglückselige und stürmt zum Entsetzen der anderen in die Brutkammer des Bösen. Was dann folgt, ist Chaos. Dracheneier zerbersten unter dem ungestümen Ritter. Feuerbälle speiende Bestien lugen hervor, erheben sich in die Lüfte und attackieren die nachgerückten Gefährten. Leeroy rennt durch den Raum, verfolgt von einem geifernden Knäuel, und schreit: „Wir haben sie. Wir haben sie.“ Dann wird ihm seine missliche Lage bewusst. „Ich habe sie. Ich habe sie“, stößt er noch hervor, bevor er, wie seine Kameraden, im Getümmel untergeht und sein Leben verliert.

Ein Hohelied auf das Chaos

Ein Video dieses Vorfalls macht Leeroy Jenkins zum berühmtesten World Of Warcraft-Spieler: eine Symbolfigur für all jene, die keine Lust auf pedantische Planer und Wichtigtuer haben - auch wenn gemunkelt wird, der Vorfall sei inszeniert. Den Wahrheitsgehalt der nächsten Geschichte ist allerdings über jeden Zweifel erhaben. Sie trägt sich zu in Sonys Everquest, in der ewig währenden Welt von Norrath, auf dem Server Sullon Zek.

Dutzende Opfer

Everquest (Bild: Sony)Everquest (Bild: Sony)Dorthin haben die Götter all jene verbannt, die in der Vergangenheit durch ihre Missetaten aufgefallen sind. Sullon Zek ist eine Strafkolonie, es ist ihren Bewohnern ausdrücklich gestattet, Böses zu tun. Kaum verwunderlich also, dass sich jene mit verdorbenem Herzen zu einem Stamm zusammengeschlossen haben, der den Namen „Evil“ trägt. Den wenigen Guten wollen sie das Leben zur Hölle machen - doch ein schwächlicher Barde spuckt ihnen in die Suppe. Fansy, so sein Name, wagt es, sich den Bösen offen entgegenzustellen. Und dafür würden sie ihn am liebsten mit Messern durchstechen und mit schlimmen Zaubern verhexen. Aber Fansy wird von dem einzigen Gesetz geschützt, dem sich alle unterwerfen müssen, egal ob Nekromant oder Bestienmeister: Das Töten von Frischlingen ist tabu, bis sie die sechste Stufe erreicht haben. Und Fansy, der Schlaue, vermeidet tunlichst, jemals die sechste Stufe zu erreichen. Er ist unangreifbar. Der Hass und die Hilflosigkeit der Bösen kennen keine Grenzen. Denn der Winzling macht sie nicht nur lächerlich - sie sind ihm auch zu Dutzenden zum Opfer gefallen. Wer Fansy dem Famosen begegnet, ist meist Sekunden später mausetot.

Neue Regeln wegen einem Spieler

Everquest (Bild: Sony)Everquest (Bild: Sony)Denn gar oft befindet sich in seinem Schlepptau eine Vielzahl von Sandriesen, groß wie fünf Männer. Indem er sich ihnen in Steinwurfweite präsentiert, lockt er sie. Mehr braucht es nicht. Dann packt die Riesen die Wut, und sie stampfen hinter dem Winzling her. Fansy lenkt die schnaufenden Fleischkolosse auf seine Widersacher. Selbst ein ausgewachsener Schattenritter hat da keine Chance. So verzweifelt sind die bösen Horden, dass sie die Götter anflehen, dem Treiben ein Ende zu setzen. Zwar sind sie Gesetzlose, aber gänzlich ohne Gesetze scheinen sie dennoch nicht auszukommen. So kam es, dass Sony nach einer Beschwerdewelle der von Sandriesen gepeinigten „bösen“ Fraktion das Sullon-Zek-Experiment einstellte. Wegen eines einzigen Spielers fügte die Firma neue Regeln hinzu, die unter anderem das massenhafte Anlocken von Kreaturen für Spieler unter dem sechsten Level verboten. Heute ist Sullon Zek der Everquest-Server mit der niedrigsten Population.

Die Wut der Zehntausend

Fantasy Westworld Journey (Bild: NetEase)Fantasy Westworld Journey (Bild: NetEase)Aber kommen wir zu dem Land mit der weltweit höchsten Einwohnerzahl. Gemeint ist China, das Reich der Mitte, genauer: das dort populärste MMORPG Fantasy Westward Journey. In der realen Welt herrscht zwar seit über einem halben Jahrhundert Frieden zwischen China und Japan. Aber vergeben können viele Chinesen nicht. Auch, weil Nippon sich nicht erinnern will. Weil die Japaner die Schlächter ihrer Vorfahren immer noch als Helden feiern. Einer von ihnen sitzt für seinen Zorn im Gefängnis von Fantasy Westward Journey, in ihm kein anderes Gefühl außer Stolz auf sein chinesisches Heimatland. Man hat ihn eingesperrt, weil er laut ausspricht, was er denkt. Sie nahmen Anstoß an seinem Namen: „Kill The Little Japs“ hatte er sich genannt, seine Gilde nannte er „The Alliance To Resist Japan“. Lange Zeit hat es die Herren der Welt nicht gestört, und plötzlich verlangen sie von ihm, seinen Namen zu ändern. Er verstoße gegen ihre Anti-Diskriminierungsbestimmungen. Natürlich hat er sich geweigert. Diskriminierung ist höchstens seinem Volk widerfahren. Eines Tages wird eine an der Wand des Gouverneurbüros prangende aufgehende Sonne entdeckt, das Himaru: Symbol der Hoffnung für die einen, Zeichen der Unterdrückung für die anderen. Ein Raunen geht durch das Volk.

Weltpolitik im Virtuellen

Fantasy Westworld Journey (Bild: NetEase)Fantasy Westworld Journey (Bild: NetEase)Diese gute Kunde macht auch vor den Gittern des Gefängnisses nicht halt. Und ebenso erreicht die Menschen draußen die Nachricht von seiner misslichen Lage. Proteste werden organisiert gegen den Frevel. Über Zehntausend sind vor dem Verwaltungsgebäude zusammengekommen. Sie versammeln sich, um sich für seine Freisetzung auszusprechen. Was allerdings viel wichtiger ist: Sie demonstrieren gegen das ihm so verhasste Symbol. „Es ist doch nicht das japanische Himaru“, rufen einige dagegen. „Es hat viel weniger Strahlen“, sagen andere. Doch sie haben einfach nicht verstanden. Es geht nicht um die Anzahl der Strahlen. Es geht ums Prinzip. Es ist der 7. Juli 2006, und es ist die größte Massenkundgebung in der Geschichte digitaler Welten. Der Weltpolitik ist an diesem Tag der Einzug ins Virtuelle gelungen.

Auch in der Betaphase von Richard Garriotts Ultima Online kam es 1997 zu einem politischen Akt, der Geschichte machen sollte.

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