17.01.2012, 13:55 Uhr | Michael Förtsch (vb / jr)
Der New Yorker Ex-Cop Max Payneist der tragischste Held der Videospielwelt. Er hat in der gleichnamigen Actionspiel-Serie alles verloren: Seine Frau und sein Kind wurden ihm genommen, seine Kollegen verdächtigen ihn des Mordes und jagen ihn mit allen Mitteln, nur Alkohol und Schmerztabletten halten ihn davon ab, sich vollkommen aufzugeben. Kurz gesagt: Sein Leben ist ein einziger Scherbenhaufen. Jetzt geht der Alptraum weiter: Mit "Max Payne 3" für Xbox 360, PS3 und PC läutet Rockstar Games den nunmehr dritten Akt in der finsteren Ballade des gebrochen Helden ein. Gezeigt wird dessen endgültiger Abstieg: den Bruch mit der Heimatstadt New York und die Flucht ins brasilianische Exil, die ihn vom gepflegten Anzugträger zum kahlköpfigen Ungetüm mutieren lässt.
Die brasilianische Metropole São Paulo ist ein Biest, ein Moloch und Monstrum, das Menschen verschlingt, verdaut und wieder ausspuckt. An kaum einem anderen Ort der Welt werden vorsätzlich so viele Menschen getötet - erschossen, erstochen oder gefoltert, bis sie das Leben verlässt. Genau hierhin hat es Max Payne verschlagen. Kein Schnee und keine Dunkelheit wie in den Vorgänger-Spielen des markigen Ex-Cops. Stattdessen gleißendes Sonnenlicht und Palmen. Und auch Max selbst ist kaum wiederzuerkennen. Dreckiges Unterhemd, Cargo-Hosen, Vollbart und kahl geschorener Kopf. Ein Typ, der ausschaut, als wäre er gerade aus einem Abwasserrohr gekrochen. Kein Vergleich zu dem gepflegten Anzugträger, dem die Fans einmal aus der Verfolger-Perspektive durch seine gefährlichen Abenteuer folgten.
Ein harter Schnitt also. Gewagt - aber auch logisch? Ja, denn Max Payne 3 wird nicht nur zeigen, was ist, sondern auch was war. Rückblenden in die vergangene Zeit in New York, seine Ankunft in São Paulo und dem Max, der nun wie ein Muskelmonstrum ohne Neigung zu Körperpflege dasteht, sollen sich aneinanderreihen und letztlich zusammenlaufen. Und das scheint tatsächlich zu funktionieren, wie eine Präsentation von Rockstar Games beweist. So zeigt ein Spielabschnitt Max in seinem Appartement in New York, als plötzlich eine Limousine vor dem Haus vorfährt. Ein Mafioso steigt aus und lässt seine Mannen auf den Cop los. Hier scheucht der Spieler Max in Lederjacke und Anzug durch sein Wohnhaus und redet seinen Widersachern ihr Vorhaben mit einem Hagel von 9mm-Pistolenkugeln aus. Wahnsinn, wie detailreich dabei die Umgebung daherkommt, wie flüssig die Bewegungen von Held und Gegner sind! Putz bröckelt von Wänden, getroffene Mafiosi stolpern, fangen sich wieder, ein atemberaubendes Gefecht entbrennt.
Ein weiterer Spielabschnitt führt eben nach São Paulo. Hier lautet die Aufgabe, ein Mädel namens Giovanna zu beschützen - eine Freundin von Max‘ langjährigem Freund Passos. Keine leichter Job, denn aus irgendeinem Grund sind Terror-Paten der Cracha Preto hinter beiden her. Mit Sturmgewehren und Schutzwesten treiben sie Max und die junge Schönheit auf einen Bus-Friedhof. Hinter einem der rostenden Gefährte in Deckung gegangen, wird blind ins Nichts gefeuert. Dann die ersten Glückstreffer, einige Typen gehen zu Boden. Es folgt ein Zeitlupensprung aus der Deckung heraus: Die Mac-10-Maschinenpistole rattert und lichtet die Reihen der Angreifer. Was folgt, ist eine Odyssee durch Werkshallen und eine kinogleiche Flucht in einem Bus, in deren Verlauf es kracht und rummst wie bei einem Hollywood-Katastrophenfilm von Roland Emmerich. Klare Sache: Das hier ist - genau wie die Vorgänger - nichts für Kinder und Jugendliche. Eine Alterseinstufung "Nur für Erwachsene" durch die USK ist mehr als wahrscheinlich.
Grafik und Charakter-Animationen gehören qualitativ zum Besten, was im Jahr 2012 ansteht. Die weitere Entwicklung des Helden wirkt bisher durchdacht und fügt sich überraschend gut in die Handlung ein. Die englischen Sprecher - es wird wohl nur deutsche Untertitel geben - sind fantastisch. Bei den Feuergefechten könnte sich sogar mancher Hollywood-Streifen so einiges abschauen. Kurz: Rockstar beweist einmal mehr ein Händchen für herausragende, erwachsene Games.
Zur Story wollen die Macher bis dato nicht allzu viel verraten, daher wirkt diese noch etwas bruchstückhaft. Eine deutsche Tonspur wird es wohl nicht geben. Die Story-verbindenden Comic-Sequenzen wirken noch etwas aufgesetzt und weniger stilvoll als in den Vorgänger-Spielen.
Der brisante Mix scheint tatsächlich zu funktionieren. Die düstere, dritte Ballade um Max Payne verspricht, noch vielschichtiger und explosiver zu werden, als ihre Vorgänger – und schaut darüber hinaus geradezu unverschämt gut aus. Max Payne 3 wird wohl eines der härtesten Games 2012 - und vermutlich der erste große Pflichtkauf für anspruchsvolle Action-Fans.
Titel: Max Payne 3
Genre: Action
Publisher: Rockstar Games
Hersteller: Rockstar Studios
Release: Mai 2012
Preis: noch nicht bekannt
System: PC, PS3, Xbox 360
USK-Freigabe: noch nicht bekannt
Einschätzung: Sehr gut
Quelle: Richard Löwenstein
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