13.08.2010, 09:33 Uhr | Richard Löwenstein / jr
Das wurde auch höchste Zeit: Nach einer gefühlten Ewigkeit wagt sich endlich mal wieder ein Entwickler an eine offizielle Rennspiel-Simulation zur Rallye-Weltmeisterschaft des Automobilverbandes FIA heran. Und zwar eben jenes Studio, das vor 15 Jahren bereits mit dem PC-Raser "Bleifuß" Videospielgeschichte schrieb: Graffiti, das sich heute Milestone nennt. Im Oktober wagen die Macher mit "WRC Rally Championship" also den Abstecher auf die dreckigsten und härtesten Pisten dieser Welt. Das Spiel wartet mit voll lizenzierten Autos und Fahrern auf, die mit Wahnsinnstempo durch Wüsten, über verschneite Pässe und durch grüne Wälder flitzen. Das Gaspedal wird bis zum Anschlag durchgedrückt. Ein erstes Anspielen vor Ort beim Entwickler in Mailand macht Eindruck. Das Spektakel für Xbox 360, PS3 und PC sieht gut aus, fährt sich anspruchsvoll und punktet mit Realitätsnähe.
Die Rallye-WM, das ist kurz gesagt eine gnadenlose Zeitenjagd auf wechselnden Untergründen. Der Pilot hetzt die teuren Renn-Boliden vom Schlage eines Mitsubishi Lancer, Ford Focus RS und Co. über brutale Strecken mit engen Kurven, krassen Steigungen und schlammigen Pfützen. "WRC Rally Championship" ist das erste offizielle WRC-Spiel seit fünf Jahren und zudem eine Premiere für Xbox 360 und PS3. Im Titelmenü des Games dreht sich eine Weltkugel. Sie steht symbolisch für insgesamt 13 Stationen rund um den Globus, an denen der WRC-Rallyetross in einer Saison Station macht. Erstes Ziel: Finnland. Die Etappe heißt Leustu, ist 6,8 Kilometer lang, die Bestzeit steht bei 3:06:510 Minuten. Beim Anspielen geht’s mit dem Ford Focus RS Modell 09 an den Start. "Out of the way, champion's coming!" ruft der Copilot von rechts. Es ist trocken, die Sonne brennt vom Himmel. Die Piste? Kiesig, breit, Fehler verzeihend. Der Motor schnurrt, es klappert ein wenig, der Countdown zählt runter. Ermutigende Worte vom Copiloten, der während des Rennens die Navigation übernimmt: "Okay mate, let's do it."
Ab sofort ist Vollgas die Devise. Von rechts brüllt der Copilot "Go, go, go!". Also schnurstracks vorbei an einem Holzzaun, geradeaus. "Left two", es folgt also eine lange Linkskurve. Die Schultertaste am Controller - das Pendant zum Gaspedal - bleibt durchgedrückt. Das Fahrzeug lässt sich herrlich am Limit durch die Kurve balancieren. Das Publikum hinter den Zäunen reißt die Arme hoch, der Jubel tut gut. Dann geht's rein in einen Wald, die Bäume stehen eng, vielleicht doch das Gas lupfen? "Come on, go!". Na okay... Das hier ist purer Rallye-Stoff. Du fährst von A nach B, so flott es geht. Du sollst die Stoppuhr besiegen. Eine sich derart auf Fahrkönnen konzentrierende Prüfung der Sinne wird nicht jeder mögen. Zumal die Ausstattung vergleichsweise schwach wirkt. Rallyes in 13 Nationen, Autos von Citroën, Ford, Subaru, Mitsubishi, Suzuki, Honda, Renault und Fiat-Abarth - das werden nur wahre Motorsport-Freunde okay finden in Zeiten, wo einem "Forza Motorsport 3" und andere Simulationen hunderte Traumautos entgegen werfen. Dafür überzeugt die Fahrphysik umso mehr. Klasse, wie sich das Auto durch schnelle Kurven ziehen lässt; wie das pendelnde Heck in Bremszonen durch zackiges Gegenlenken eingefangen werden möchte; wie die Fuhre auf Kuppen abhebt und eine kurz davor eingeleitete, gefühlvolle Gaswegnahme mit einer stabilen Flugphase belohnt wird.
Bei der Probefahrt fallen die vielfältige Anpassbarkeit der Steuerung und die kaum vorhandenen Ladepausen auf. Dazu detailreiche Grafik, die hübsche Wälder und staubige Dünen mit tollen Blickfängen auf den TV malt. Authentisch nachmodellierte Cockpits und realistische Soundkulisse begeistern.
Einige Details lassen noch Nacharbeit erhoffen. Warum bremsen Bäume den Wagen wie Wände aus Stahlbeton, warum splittern und brechen Zäune nicht bei Kollisionen mit 200 Sachen? Und bei aller Liebe zum Rallye-Sport ist die Konzentration auf die reine Zeitenjagd vielleicht doch zu wenig für ein wirklich attraktives, dauerhaft reizvolles Gameplay.
Der erste Eindruck macht Lust auf mehr. "FIA WRC Rally Championship" könnte ein wahres Fest für Könner und Kenner werden, die in jeder Kurve an ihrem Fahrkönnen feilen, und so Zehntelsekunde für Zehntelsekunde von ihrer Etappenzeit abschleifen. Andere Rennspieltitel wie Need for Speed Hot Pursuit bekommen harte Konkurrenz
Quelle: Richard Löwenstein
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