16.11.2011, 14:36 Uhr | Sönke Siemens (jr, ams)
Was für ein Rausch! Unaufhaltsam brettert der wendige Suzuki Swift Sport mit seinen 195 PS die verschneite Etappe der Rallye Schweden entlang. 65 Prozent Schnee, 35 Prozent vereister Schotter. Die Bedingungen im hohen Norden sind harsch, mit dem richtigen Setup aber durchaus zu meistern. Federhärte, Anpressdruck, maximaler Lenkradeinschlag, Handbremsenstärke und 16 weitere Parameter haben deine Mechaniker vorher optimal konfiguriert. Da kommt's jetzt nur noch auf Nervenstärke und Pilotenkunst an! Denn das Rallye-Game "WRC 2" für PC, PS3 und Xbox 360 ist hart, pfeift auf Arcade-Raserei á la Dirt 3 und macht damit vieles richtig.
Die Stimme des Co-Piloten dirigiert ruhig und präzise: "Links 3, über Kuppe". Also Bremse, kurz Gas drosseln. Dann das Pedal durchtreten und den Hang hochpflügen, während der Motor aufjault. Der Wagen hebt ab, die Zuschauer am Straßenrand jubeln. Und auch die Haarnadel-Kurve mitten im Zentrum einer Ortschaft nimmt man mit Bravour. Reifen drehen durch, der Motor knattert, Schnee wirbelt. Ohne anzuecken, ohne Zeitverlust und fast schon wie auf Schienen zirkelt der Bolide durch die Schikane - was für ein Manöver! Und Rallye-Feeling pur! Das ist "WRC 2". Keine Monster-Drifts durch Beton-Pipelines, keine Rennen mit Spike-bereiften Buggys wie bei "Dirt 3". Bis auf die neuen Super Special Events auf abgesteckten Rundkursen in Berlin und vier weiteren Locations konzentriert sich dieses Game auf das, was schon den ersten Teil zum Geheimtipp machte: Simulationslastige, griffige Rallye-Rennspiel-Action mit offiziellen Lizenzen, die mit Liebe zum Detail umgesetzt werden. Das heißt: Man ist auf knifflig zu fahrenden, anspruchsvollen Kursen unterwegs und schafft die Etappen bei moderat zugeschaltete Fahrhilfen nur dann in einer respektablen Zeit, wenn man sich voll konzentriert.
Im Vergleich zum Vorgänger hat sich Einiges getan. Das übliche Anpassen von Kursen, Fahrzeugen und Fahrern an die Daten der 2011er-Saison, darüber geht WRC 2 deutlich hinaus. An vielen Ecken und Enden wurde ordentlich geschraubt, allen voran an der Struktur des Karrieremodus. Zwar gilt es immer noch, sich in der "Road to WRC" vom Niemand zum Spitzenfahrer hochzuarbeiten. Aber nicht mehr als Einzelkämpfer, sondern im Team. Der Chef-Ingenieur etwa kümmert sich um die Erforschung leistungssteigernder Fahrzeug-Upgrades, derweil der Teammanager lukrative Sponsoren-Deals an Land zieht. Nebenbei wird die Crew aufgestockt, durch gute Platzierungen Geld erwirtschaftet und Reputation verdient. Das ist komplex, aber übersichtlich und schnell erlernbar. So ganz am Rande werden "Nebenaufgaben" erfüllt, etwa eine Etappe ohne Kratzer im Lack abzuschließen, was zusätzliche Asche und Ansehen erbringt. Schade nur, dass sich "WRC 2" bei der Inszenierung all dessen so trocken gibt wie der aufgewirbelte Staub der jordanischen Wüste. Kurze Texte, aufgeräumte und sterile Menüs: Das war's Die Fans wird's aber wenig stören, denn die eigentliche Inszenierung findet auf der Piste statt: Licht fällt strahlenweise durch Baumkronen; Dreck wirbelt auf, Staub färbt die Luft Gelb-Rot, realistisch hauen Steine und Felsen Risse in die Karosserie. Ein deutlicher Fortschritt im Vergleich zum Vorgänger und hübsch anzusehen.
Umfangreiche Lizenzen, 35 Autos in 7 Kategorien und über 100 Etappen auf Pisten in aller Welt, das lässt echte Rallye-Fans jubeln. Ander als sein Vorgänger schafft es WRC 2, ein realistisches und direktes Fahrgefühl zu vermitteln. Dazu gefällt das umfangreiche Fahrzeug-Setup, das haarkleine Konfigurationen zulässt. Obendrauf erfreuen realistische Motorsounds, eine im Vergleich mit dem Vorgänger solide Grafik und eine Rückspulfunktion zum Korrigieren von Fahrfehlern.
Weniger schön ist dass die eigentlich ziemlich schicke Grafik gelegentlich durch matschige Texturen und Grafikfehler negativ auffällt. Lange Ladezeiten stören den Spielfluss. Im Vergleich mit Konkurrenz-Games wie "Dirt 3" winken nur sehr wenige Mehrspieler-Modi für die maximal 16 Spieler, und auch ein Splitscreen-Modus ist leider nicht vorhanden.
In den Renn-Olymp ist "WRC 2" nicht aufgestiegen. Und um sich wahrlich mit "Dirt 3" messen zu können, müssen die Ingenieure beim Studio Black Bean noch kräftig tunen. Dennoch zeigt sich diese Rallyesimulation ambitioniert, beweist Liebe zum Detail und gibt Rallye-Fans das, was sie mögen: Kein großes Brimborium, keine überbordende Opulenz, sondern ein kleines und feines Rennspiel, das Beachtung verdient.
Titel: WRC 2 FIA World Rally Championship 2011
Genre: Rallye-Rennspiel
Publisher: Milestone / F+F Distribution
Hersteller:Black Bean Games
Release-Termin: Im Handel
Preis: zirka 40 Euro (PC) / zirka 50 Euro (Xbox 360) / zirka 60 Euro (PS3)
System: Windows-PC, PS3, Xbox 360
USK-Freigabe: Noch nicht bekannt
Einschätzung: Gut
Quelle: Richard Löwenstein
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